Ausstellungen 2008

 

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5. April bis 15. Juni 2008 Museum für Angewandte Kunst Köln

Liebespfand - Zeitgenössische Interpretationen mittelalterlicher Minnekästchen

Nach den Ausstellungen „Das Mittelalter – jetzt!“ im Museum Schnütgen (2004) und „Zugabe“ im Kölnischen Stadtmuseum (2007) präsentiert sich die Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks NRW erneut in einem Kölner Haus – dem Museum für Angewandte Kunst. Wie in den vorangegangenen Fällen dienen Werke aus Museumsbesitz als Inspirationsquelle für zeitgenössische Interpretationen oder als Kristallisationskern weitgehend eigenständiger, freier Ideen. Schon früh gerieten dabei die kleinen, geheimnisvollen, schönen mittelalterlichen Behältnisse in den Blick, die wegen ihrer kostbaren Gestaltung, noch mehr aber wegen ihrer oft allegorischen Darstellungen von symbolischer oder sinnlicher Liebe als Minnekästchen bezeichnet werden. Entstanden in der Zeit des deutschen Minnegesangs, bilden sie einen kostbaren Bestand des Museums.

 

 


Liebespfand - Zeitgenössische Interpretationen mittelalterlicher Minnekästchen

Museum für Angewandte Kunst Köln
5. April bis 15. Juni 2008

Liebespfand

Nach den Ausstellungen „Das Mittelalter – jetzt!“ im Museum Schnütgen (2004) und „Zugabe“ im Kölnischen Stadtmuseum (2007) präsentiert sich die Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks NRW erneut in einem Kölner Haus – dem Museum für Angewandte Kunst. Wie in den vorangegangenen Fällen dienen Werke aus Museumsbesitz als Inspirationsquelle für zeitgenössische Interpretationen oder als Kristallisationskern weitgehend eigenständiger, freier Ideen. Schon früh gerieten dabei die kleinen, geheimnisvollen, schönen mittelalterlichen Behältnisse in den Blick, die wegen ihrer kostbaren Gestaltung, noch mehr aber wegen ihrer oft allegorischen Darstellungen von symbolischer oder sinnlicher Liebe als Minnekästchen bezeichnet werden. Entstanden in der Zeit des deutschen Minnegesangs, bilden sie einen kostbaren Bestand des Museums.

Vorzüglich läßt sich darüber spekulieren, daß in ihnen diskret sehr Privates und Intimes, Schmuck, Erinnerungsstücke und, ganz allgemein, Geschenke als Liebesbeweise, kurz: Liebespfänder aufbewahrt wurden. Heute haben sich, für jeden sicht- und fühlbar, zwar die Erscheinungsformen der Liebe verändert, nicht aber diese selbst. Daher liegt es nahe, nach den zeitgenössischen Ausdrucksformen von Zuneigung und Liebe zu forschen, nach den symbolischen oder materiellen Zeichen, die in ihrem Namen hervorgebracht und ausgetauscht werden, und nach der Art, sie – meist auch heute noch vor den Blicken anderer geschützt – aufzubewahren.
Dies ist das Thema der Ausstellung. Es hat sich als offenbar so spannend, phantasieanregend und herausfordernd erwiesen, daß nicht weniger als einunddreißig Künstler aller Sparten der Angewandten Kunst sich damit auseinandergesetzt haben.
Die entstandenen Interpretationen postulieren das Bild eines tiefgreifenden Wandels der Mittel, die vielleicht tiefsten Gefühle des Menschen auszudrücken und zu kommunizieren, zeigen aber auch ein beruhigendes Überleben ihrer uralten symbolischen Erscheinungsformen. Ausstellung und Katalog, der – naheliegend – die Form eines inhaltsreichen Kästchens angenommen hat, legen davon beredt Zeugnis ab.

Die Ausstellung, seit 2005 in zahlreichen Schritten inhaltlich und formal mit dem Museum und seiner Leiterin Birgitt Borkopp-Restle entwickelt, beruht auf der Initiative der Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Köln und des Landes Nordrhein-Westfalen. Verpflichtet fühlen wir uns primär den Künstlern, die sich mit ihren Arbeiten an dem Projekt beteiligt haben. Allen Mitgliedern der verschiedenen Arbeitsgruppen, die sehr viel ideelles und materielles Engagement in Erarbeitung und Verwirklichung eingebracht haben, gilt unser wärmster Dank. Die Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks NRW hat dankenswerter Weise zur Realisierung beigetragen. Jürgen Alexander Wurst hat aus seiner tiefen Kenntnis der „Reliquiare der Liebe“ einen Text für den Katalog und einen Vortrag beigesteuert. Größter Dank gebührt Rat und Verwaltung der Stadt Köln, die das Ausstellungsprojekt bewilligt und finanziert haben. Schließlich sind es die Museumskollegen, Restauratoren, Hausverwalter, Haustechniker, Verwaltungsmitarbeiter, Sekretärin und Öffentlichkeitsreferentin, die die Abwicklung und Umsetzung der Ausstellung möglich gemacht haben.

Gerhard Dietrich, 11. März 2008 Stellv. Museumsdirektor

31 Variationen über das Thema Minnekästchen

I.
Die anrührende Geschichte einer unerfüllt gebliebenen Liebe erzählt die kurze Versnovelle »Das Schleiertüchlein« des 1458 gestorbenen schwäbischen Dichters Hermann von Sachsenheim, die sich neben vielerlei anderen Liebesmæren in dem 1471 von der Augsburger Nonne Klara Hätzerlin zusammengestellten und später nach ihr benannten Liederbuch findet.
Ein verzweifelter, ob seines Kummers dem Tode naher junger Ritter berichtet dem Icherzähler sein zu Herzen gehendes, trauriges Schicksal: Als junger Knappe wurde er von seiner angebeteten Dame zur Bewährungsprobe auf Pilgerfahrt ins Heilige Land geschickt, denn das edle Fräulein wollte sich erst nach dem dort erfolgten Ritterschlag mit ihm vermählen. Damit er die Erinnerung an sie bewahrt, gab sie ihm das titelgebende Schleiertüchlein, das sie zusätzlich mit ihrem Blut befleckt hat, als Pfand und Andenken mit auf die gefahrvolle Reise. Dieses Liebespfand, das der Ritter in spe sein »heiltum« nennt, bewahrte er in einem Kästchen auf, einem »ledlin clain, von wissem helffenbeyn, mit fynem gold beslagen«, das er all die Jahre der Pilgerfahrt an seinem Körper bei sich trug. Nach seiner glücklichen Rückkehr musste er erfahren, dass seine Geliebte zwischenzeitlich verstorben war und ihm nichts anderes blieb, als das im Kästchen verborgene, blutgetränkte Tuch. Dieses kostbare »ledlin clain«, dieses »Reliquiar der Liebe« würden wir heute mit dem Ausdruck Minnekästchen bezeichnen.

II.
Das Mittelalter kannte das Wort »Minnekästchen« nicht, es ist eine Neuschöpfung des frühen 19. Jahrhunderts, einer Zeit also, die nicht nur Kunst und Kultur dieser Jahrhunderte wieder entdeckte, sondern auch das Konzept der romantischen Liebe, oder besser gesagt, des romantischen Verliebtseins erfand.

Und in dieses Konzept der Liebe, in dem sich bis heute fatalerweise, aber umso Leiden-schaftlicher Herz auf Schmerz, Hangen auf Bangen reimt, passen Motive wie das von einem Pfeil durchbohrte Herz und Minnekästchen, auf und in denen diese Motive wieder begegnen, wie der Schlüssel zum Schloss – womit eine weitere Metapher, mit der die kleinen Kästchen spielen, angesprochen ist. Möglicherweise auch aus diesem Grunde hat man im 19. Jahrhundert angefangen, sich für diese zumeist unscheinbaren, kleinen und bis heute von der großen Kunstgeschichte gerne belächelten Artefakte zu interessieren. Das Gros der »deutschen« Minnekästchen ist – zugegebenermaßen – auch nicht sonderlich attraktiv. Sie sind nicht, wie ihre französischen Verwandten, aus Elfenbein oder Email, nicht, wie die italienischen Kästchen, vergoldet und reich mit berühmten Gestalten der antiken Sagen und Mythen verziert, sie sind zumeist aus Holz, geschnitzt, bemalt, fast immer schlicht und eher unauffällig. Dieses Einfache, zuweilen Rohe hat, im Zusammenspiel mit dem (vermeintlichen) Fehlen von Hinweisen in der mittelhochdeutschen Literatur dann in der Forschung zu dem vorschnellen Schluss geführt, dass es Minnekästchen im Mittelalter gar nicht gegeben hat und ihre Existenz allein schnoddrigen Herrenrunden, cleveren Fälschern und sammelwütigen Museumsdirektoren zu verdanken ist. Doch so schweigsam, wie man in der kunsthistorischen Forschung dachte, sind die mittelalterlichen Quellen nicht, wenn es um (Minne-)Kästchen geht. Zwangsläufig sucht man das Wort vergebens, aber in Bildern, Gedichten und Geschichten, spielen »truhelin«, »sc(h)rin«, »kistlin« und »lädlin« in unterschiedlichen Funktionen immer wieder eine Rolle.

So empfiehlt Andreas Capellanus, ein französischer Autor des 12. Jahrhunderts, zwar in seinem Traktat »de amore« mit Geschenken in einer sich anbahnenden Beziehung zurückhaltend zu sein, denn die Liebe dürfe nicht mit Gaben erworben werden und die Geschenke sollten lediglich Objekte der Erinnerung sein. Er nennt inkonsequenterweise zugleich jedoch eine ganze Reihe von schicklichen (und teilweise wertvollen) Gegenständen, die Eberhard von Cersne, der 1404 in seiner Schrift »der minne regel« weite Teile von »de amore« verarbeitete, seinerseits in etwas anderem Zusammenhang aufzählt, erweitert und dabei auch Kästchen nennt: »laden, kestichin und scryn«.
Mit letzterem, Schrein, wurde in der mittelhochdeutschen Literatur oft der Körper oder das Herz der Frau gleichgesetzt, wie mit Schrein allgemein das Innerste im Gefühlsleben eines Menschen metaphorisch umschrieben werden konnte. So legt Tristan beispielsweise Isolde Weisshand in »Sînes herzen inren schrîn« und Iwein, der treulose Ritter, reflektiert in einem der berührendsten Abschnitte der mittelhochdeutschen Literatur über das Wesen seiner Frau: »vrouwe, wie lützel dû nû weist/Daz tû den slüzzel selbe treist!/Dû bist das sloz und daz schrîn/Dâ êre unt tiu vreude mîn/Inne beslozzen lit«.
Das Auf- und Verschließen des Herzens, dieses Bild, das bis in unsere Gegenwart nichts von seiner Bedeutung verloren hat, war naturgemäß von ganz besonderem Interesse und korrespondiert anschaulich mit dem Akt des Öffnens und Schließens eines Kästchens – und oft ist das Schloss eines Kästchens entsprechend herzförmig gestaltet. In den vielen illustrierten Handschriften des Rosenromans verschließt der Gott der Liebe dem Liebenden das Herz, auf dass allein der oder die Eine darin wohnen bleibt. Keinesfalls übersehen werden darf in diesem Zusammenhang die erotisch-sexuelle Konnotation des Vorgangs, was zwar niemals ex pressis verbis geäußert wurde (der Mensch des Mittelalters hat die aberwitzigsten Metaphern für die naturalia et pudenda erfunden), aber sowohl bei einigen bildlichen Darstellungen wie auch in literarischen Werken oft mehr denn weniger deutlich mitschwingt. Und nicht zuletzt waren reich verzierte Kästchen das, was heute aufwändige Geschenkverpackungen sind: kostbare Hüllen eines möglicherweise noch kostbareren Inhaltes, manchmal verbunden mit einer bereits außen ablesbaren Botschaft.

Verpackung findet sich auf Stefan Lochners Dreikönigsaltar im Kölner Dom. An prominenter Stelle, zu Füßen der Madonna, steht das goldene Kästchen des ältesten der drei Könige.
Inwieweit Kästchen im realen Brauchtum eine Rolle gespielt haben, ist zumindest für den deutschsprachigen Raum nur schwer belegbar, da die einschlägigen Quellen weitgehend fehlen. Dass Kästchen als Verlobungs- oder Hochzeitsgeschenke dienten, wie immer wieder zu lesen ist, mag zwar einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht entbehren, kann archivarisch jedoch (noch) nicht belegt werden. Die Hochzeitsordnungen, die eine gute Quelle hierfür bieten würden, sind in den deutschsprachigen Gebieten nicht derart detailliert, wie beispielsweise die aus den Landen südlich der Alpen. So liest man in einer frühen Nürnberger Hochzeitsordnung zwar vom Verbot übertriebenen Essens, aber kaum etwas Konkretes über Geschenke oder gar deren Verpackung. Der Wert der Verlobungsgaben war zumeist recht genau geregelt und durfte einen – relativ – geringen Betrag nicht übersteigen. Selbst wenn sich weitere Belege für den deutschsprachigen Raum finden würden, so dürfte es unwahrscheinlich sein, dass diese auch Aussagen über Dekor und Motive eventueller Brautkästchen enthielten. Dies gilt nicht für Italien. In Florenz und Siena war es Sitte, dass während der Eheanbahnungsphase der Verlobte seiner zukünftigen Braut ein kleines Geschenk,verpackt in einem Kästchen, dem »forzerino« oder »goffanuccio« machte. Ausgestaltung, Wert und Übergabezeitpunkt des »forzerino« sowie seines Inhaltes wurden durch die entsprechenden Luxusgesetze der Städte bereits im 14. Jahrhundert weitgehend geregelt. So durften die Schmuckstücke in diesen Kästchen einen Wert von drei Goldflorin nicht übersteigen und das Holz sollte weder vergoldet, versilbert noch in der teuren Farbe blau angemalt sein. Das Dekor musste aus billigen Materialien hergestellt sein, ausdrücklich verbot ein Bologneser Gesetz von 1401 die Verwendung von Edelmetallen, daher wurden die Kästchen mit einer stuckartigen Masse überzogen und reich figürlich und ornamental verziert. Allerdings musste der Dekor einen allegorischen Bezug zur Hochzeit haben und die Wappen der jeweiligen Familien zeigen.
Nicht recht viel anders verhält es sich mit den »deutschen“ Arbeiten, wenngleich Wappen insgesamt nur selten auf den Kästchen auftauchen, und daher ist es sicher nicht zu weitgehend, wenn von den Motiven der Kästchen, die das ganze übliche Spektrum von Liebesmotiven des Mittelalters aufweisen, auf deren Verwendung als Hochzeits- oder Verlobungsgaben geschlossen werden kann. So ist nicht automatisch jedes Kästchen mittelalterlicher Herkunft ein Minnekästchen – wie oft in diversen Katalogen zu lesen ist. Nur dann sollte von Minnekästchen gesprochen werden, wenn es entsprechende Motive aus der Bildwelt der Liebe schmücken.

III.
Als ich eines der Objekte der Ausstellung sah, erinnerte ich mich an eine französische Liebesgeschichte des ausgehenden 11. Jahrhunderts, die den Titel: »Laüstic oder die Nachtigall« trägt. Ein junger Mann hat in Erinnerung an seine große Liebe, die – wie es oft bei großen Lieben der Fall ist – unerfüllt blieb, ein goldenes und edelsteinbesetztes Reliquiar bis an sein Lebensende mit sich getragen, welches jene in ein besticktes Seidentuch gehüllte tote Nachtigall barg, die in der Geschichte der beiden Unglücklichen die titelgebende Rolle spielte. Hier ist es eine Feder, ein Diamant und eine Goldkugel, deren Bedeutung dem uneingeweihten Betrachter – wie das Kästchen – verschlossen bleibt. Heute noch wollen wir Kästchen öffnen und hoffen auf im Inneren verborgene goldene Schätze, heute noch hüten und sammeln wir in kleinen Behältnissen – oder sim-Karten – die Locke des Geliebten, den ersten Liebesbrief, die erste SMS mit den drei Worten und tausend andere Dinge und Erinnerungen. Fast alle Objekte der Ausstellung spielen – in den unserer Zeit entsprechenden Formen – mit den gleichen Gegensatzpaaren (die sie zu vereinen suchen), den gleichen Bedürfnissen und Sehnsüchten (die zu befriedigen sie helfen wollen), den gleichen Metaphern und Symbolen (die zeitlos sind) wie es die mittelalterlichen Vorläufer tun. So vereint sich auf wunderbare Weise Tradition und Innovation. Diese Kontinuität in den kulturellen Äußerungen verschiedener Epochen führte mich zu der be(un)ruhigenden Erkenntnis, dass sich menschliches Verhalten in seinen Grundbedürfnissen auch nach hunderten von Jahren nicht wesentlich verändert hat, dass der Mensch für das ewig alte Thema nur neue attraktive Gewänder gesucht hat.

Jürgen Wurst München, im März 2008

Begleitheft. Impressum
© Museum für Angewandte Kunst Köln, Autoren und Fotografen
Diese Publikation erscheint anläßlich der Ausstellung „Liebespfand“ - Zeitgenössische Interpretationen mittelalterlicher Minnekästchen, 05. April bis 15. Juni 2008
Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft des Kunsthandwerks Köln und Nordrhein-Westfalen
Idee und Konzeption:
Birgitt Borkopp-Restle
Gerhard Dietrich
Susanne Keens
Annette Kreutter
Jürgen Kreuchauff
Cordula Rössler
Grafische Gestaltung: Fulvio Zanettini
Bildnachweis: Marion Mennicken, Rheinisches Bildarchiv Köln
Herstellung: Druckhaus Süd, Köln

Dank für Unterstützung und Mitarbeit an:
Walter B. Brix
Katrin Brusius
Günter Fiedler
Nele Kreutter
das Team des Museums für Angewandte Kunst Köln
Besonderer Dank gilt Herrn Jürgen Wurst

 

 

5. April bis 15. Juni 2008 Museum für Angewandte Kunst Köln Liebespfand -
Zeitgenössische Interpretationen mittelalterlicher Minnekästchen


7. - 8. Juni 2008

Kunst und Handwerk auf dem Parkdeck
Parkdeck der Handwerkskammer Düsseldorf, Georg-Schulhoff-Platz 1, 40221 Düsseldorf